Von den Anfängen bis 1990

28. Jahrestagung der Freien Waldorfschulen in Berlin 1990

Bestrebungen, in Berlin einen Waldorfkindergarten einzurichten, reichen bereits in die Mitte der 50er Jahre zurück. Eine erste Planung gab es innerhalb der Rudolf Steiner Schule Berlin im Zusammenhang mit einem Hort. Diese Wünsche ließen sich jedoch wegen des chronischen Raummangels der stürmisch wachsenden Schule nicht verwirklichen.

So entstand der erste Waldorfkindergarten 1958 aus dem Wirken einer Elterninitiative heraus - außerhalb der Schule. Die Initiative konnte die Gesellschaft zur Förderung der musischen Erziehung (GzF), die in der Argentinischen Allee 23 in Zehlendorf ein heilpädagogisches Therapeutikum und die Berliner Eurythmieschule von Frau Reisinger unter ihrem Dach vereinte, dazu gewinnen, nicht nur einige Räume ihres Hauses, sondern auch ihren Verein als offiziellen Träger für den Beginn der Kindergartenarbeit zur Verfügung zu stellen. lm Jahre 1960 wurde der Kindergarten juristisch- bei Wahrung seiner Selbständigkeit bezüglich der Verwaltung - offiziell in den Rudolf Steiner Schulverein integriert. Jedoch bereits im Jahre 1966 war er, um sich die für eine Bezuschussung wichtige Mitgliedschaft im „Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband” weiterhin zu erhalten, gezwungen, sich wieder aus dem Schulzusammenhang auszugliedem, nun als eigener Verein Waldorfkindergarten Berlin e.V”.
 
lnzwischen hatte der Kindergarten in dem 1963 fertig gestellten Neubau der GzF in der Argentinischen Allee 23 neue, größere Mieträume bezogen und war auf drei Gruppen angewachsen (eine davon nachmittags). Im Jahre 1968 entstand der erste Außenstandort im Erweiterungsbau der Rudolf Steiner Schule in der Dahlemer Clayallee 118 mit einer weiteren Gruppe und 1971 der zweite in Wilmersdorf gegenüber der Kirche der Christengemeinschaft in einer dazu erworbenen Villa in der Mansfelder Straße 37 mit nochmals drei Gruppen. 1979 schließlich konnte der Zehlendorfer Kindergarten in der Argentinischen Allee ein paar Häuser weiter in der Lindenthaler Allee 14 ein großes, eigenes Villenhaus beziehen, so daß die GzF die ehemaligen Kindergartenräume endlich wIeder für die dringend erforderliche Ausweitung der Eurythmie-AusbiIdung zurückerhielt. Das Grundstück in der Lindenthaler Allee jedoch ließ noch eine weitere Bebauung zu, die 1983 mit der Errichtung eines Neubaus für 2 weitere Gruppen abgeschlossen werden konnte, so dass jetzt auf diesem Gelände fünf Gruppen sowie die Verwaltung untergebracht sind. Alle genannten Grundstückskäufe und Bauvorhaben konnten mit Spendengeldern und Zuschüssen der Berliner Klassenlotterie und zum Teil auch des Berliner Senats sowie mit Eigenleistungen der Eltern durchgeführt werden.
 
Im Jahre 1983 traten dann anthroposophische Freunde und Mitglieder einer Elterninitiative aus dem Norden Berlins an den Verein heran, ob dieser ihnen nicht beim Kauf des freiwerdenden Villengrundstücks Auguste-Viktoria Straße 4 in Herms dorf - einem langjährigen Zentrum anthroposophischer Arbeit - sowie dessen Herrichtung zu einem Waldorfkindergarten im Einzugsgebiet der künftigen Waldorfschule im Norden Berlins behilflich sein könnte.
 
Daraus ergab sich eine vorübergehende Vertretung dieser Initiative durch den Verein, die zum Grundstückskauf und Ausbau des Hauses für zwei Gruppen sowie dem Beginn des Betriebes Ende 1987 führte. Inzwischen hat sich die Hermsdorfer Initiative als „Waldorfkindergarten Hermsdorf e.V.” verselbständigt - die offizielle Anerkennung soll zu Pfingsten 1990 erfolgen - und führt seit Anfang des Jahres die dortige Arbeit in eigener Regie. Der ZehIendorfer Verein jedoch, dessen Umbenennung in „Waldorfkindergarten ZehIendorf e.V.” zur Zeit erwogen wird, hat sich mit insgesamt neun (vorübergehend sogar elf Gruppen) damit zu der wohl größten Institution seiner Art innerhalb unserer Bewegung entwickelt.
 
Es ist nicht verwunderlich, dass sich mit dem wachsenden Interesse an der Waldorfpädagogik gegen Ende der 70er Jahre in vielen Berliner Bezirken - auch in solchen, in denen schon ein Kindergarten dieses Vereins bestand - Elterninitiativen entwickelten, die unabhängig von den „Zehlendorfern” ihren eigenen Verein aufbauen wollten.
 
Die erste derartige Initiative ist der „Waldorfkindergarten Kreuzberg e.V.”, der im Jahre 1979 in der Obentrautstraße 52 mit einer ersten Gruppe gegründet worden ist. Er begann mit seiner Arbeit in gleicher Art - wie die in dieser Zelt recht häufigen „Kinderläden” in einem ehemaligen Laden mit dahinter liegender Ladenwohnung und dem dazugehörigen Stückchen Garten des Mietshauses-Innenhofes. Zum Spielen an der „frischen Luft” musste man auf einen öffentlichen Spielplatz gehen. Im Jahre 1980 entstand die zweite Gruppe. Ende 1985 eine Nachmittagsgruppe. Nachdem 1985 die „Freie Waldorfschule Kreuzberg” auf dem Gelände des ehemaligen Hauptkinderheimes in der Alten-Jakob-Straße 12 ihren Betrieb aufgenommen hatte, bot sich dem Verein die Möglichkeit, auf dem gleichen Gelände, d.h. in unmittelbarer Nachbarschaft zu der neuen Schule und dazu noch in einer grünen Umgebung, ebenfalls Räume für zwei weitere Gruppen einzurichten, die Ende 1986 ihren Betrieb aufnahmen. Schließlich konnten 1988 auch noch die beiden Gruppen aus der Obentrautstraße dorthin umziehen. Ein großer Teil der Plätze in den Gruppen werden als Ganztagsplätze geführt.
 
1982 entstand - ebenfalls als Frucht einer längeren Vorbereitung - ein weiterer Kindergarten im Osten des Bezirkes Kreuzberg in der Eisenbahnstraße 22 als „Waldorfkindergarten im Forum Kreuzberg e.V” mit einer ebenfalls in einem Laden eröffneten Gruppe, seit 1984 mit einer zweiten Gruppe in einer Wohnung im 1. Stock und einer Ganztagsbetreuung. Der Kindergarten will in seinem Bereich mithelfen, das Forum Kreuzberg zu einem volkspädagogischen Zentrum für den gesamten umliegenden Stadtteil mit seiner sehr von Ausländern und alternativen Gruppen geprägten Bevölkerung auszubauen.
 
In der nördlichen Innenstadt gibt es den seit 1988 anerkannten „Waldorfkindergarten Berlin Wedding e.V.” in der Ramlerstraße 33 mit einer Gruppe in Ganztagsbetreuung. Er ist aus dem 1984 gegründeten „Initiativkreis Wedding e.V.” hervorgegangen und arbeitet eng mit dem Waldorfkindergarten im Forum Kreuzberg sowie der Waldorfschule im Märkischen Viertel zusammen.
 
Und schließlich gibt es als vierten anerkannten Waldorfkindergarten den ebenfalls seit 1984 existierenden „Lindenbaum Kindergarten Neukölln e.V.” in der Nogatstraße 19-20 mit einer Gruppe bei Ganztagsbetreuung. Er ist aus einer Initiative von Eltern und allein erziehenden Müttern entstanden, die sich vergeblich um einen Kindergartenplatz in den Kreuzberger Waldorfkindergärten bemüht hatten. Sie fanden sich 1982 zusammen und bauten. einen Laden in einer Querstraße zwischen den beiden Neuköllnern Hauptverkehrsadern, der Herrmannstraße und Karl-Marx-Straße, zum Kindergarten aus. Eine vor dessen Schaufenstern stehende Linde. Eine vor dessen Schaufenstern stehende große Linde hat ihm den Namen gegeben. Es ist zwar eine kleine, aber von der Nachbarschaft mit großem Interesse wahrgenommene Einrichtung.
 
Darüber hinaus sind noch vier weitere Kindergarteninitiativen zu nennen, die z. Zt. ihre Anerkennung bzw. vorläufige Mitgliedschaft in der „Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten” anstreben:
 
Die älteste, der heutige „Kindergarten Weimarische Straße e.V.”, ebenfalls in einem ehemaligen Laden in der Weimarischen Straße 5 in Wilmersdorf beheimatet, ist bereits im Jahre 1979 als Initiative einer studentischen Elterngruppe entstanden. Er sollte „wissenschaftlichen Modellcharakter” haben (Vereinsname: „Wir zehn Musterkinder e.V.”), das pädagogische Konzept war an den damals gängigen Idealen liberaler Erziehung orientiert. Im Laufe der ersten Jahre jedoch erfolgte bereits die Hinwendung der Eltern zur Waldorfpädagogik. 1981 wurde die erste darin ausgebildete Kindergärtnerin eingestellt; später ist die Waldorfpädagogik als Grundlage für alle nachrückenden Eltern und Erzieher Selbstverständnis geworden. 1988 wurde nach dem Ausbau des Nachbarladens die zweite Gruppe eröffnet, anschließend Satzung und Vereinsname geändert und mit Erfolg der Antrag auf vorläufige Mitgliedschaft in der Vereinigung gestellt.
 
Ebenfalls in Wilmersdorf beheimatet ist die zweite Initiative, der „Tomte’s Kindergarten e.V.” in der Schweidnitzer Straße 3, auch in einem Laden. Er ist genannt nach dem Elementarwesen „Tomte Tummetott” in der Bildgeschichte von Astrid Lindgren und hat sich im Herbst 1987 im wesentlichen aus einem Kreis von Eltern heraus gegründet, die ihre Kinder nicht im Kindergarten Weimarische Straße unterbringen konnten, da man dort sehr lange mit der Eröffnung einer zweiten Gruppe zögerte. Die Arbeit begann nach einem energischen Elterneinsatz an der Jahreswende 1987/88 mit zwei kleineren Gruppen und Ganztagsbetreuung.
 
Eine noch jüngere Waldorfinitiative ist der ebenfalls aus einem 10 jährigen „Kinderladen” gewachsene Kindergarten Lichtenrade, der auch die Anerkennung anstrebt.
 
Hiermit waren alle Einrichtungen bis zum Jahre 1990 durch Herrn Rolf Rassow dargestellt.